Amortisieren oder anlegen?
Nach dem Hauskauf stellt sich die Frage jedes Jahr neu: Soll freies Geld in die Hypothek fliessen oder ins Vermögen? Beides hat eine eigene Logik – und welche im konkreten Fall trägt, entscheidet sich über Jahrzehnte, nicht im Jahr der Einzahlung.
Die zweite Hypothek muss amortisiert werden – so weit die Pflicht. Interessant wird es beim Rest: Soll darüber hinaus freiwillig zurückbezahlt werden, oder arbeitet freies Geld besser im Portfolio? Kaum eine Frage der privaten Finanzplanung wird so oft gestellt – und so oft mit einer Faustregel beantwortet, die den eigenen Fall gar nicht kennt.
Die Logik des Amortisierens
Jeder zurückbezahlte Franken spart den Hypothekarzins darauf – sicher, garantiert, ohne Schwankung. Die Wohnkosten sinken, und mit ihnen die Belastung, die im Alter getragen werden muss: Nach der Pensionierung rechnet die Bank die Tragbarkeit mit dem tieferen Renteneinkommen neu, und eine kleinere Hypothek kann dann den Unterschied machen, ob das Eigenheim gehalten werden kann. Amortisieren ist im Kern ein Kauf von Sicherheit und Tragbarkeit.
Die Logik des Anlegens
Die Gegenrechnung: Langfristig angelegtes Vermögen kann mehr Rendite erzielen, als die Hypothek kostet – kann, nicht muss. Dafür bleibt das Geld verfügbar, statt in der Liegenschaft gebunden zu sein; wer einmal amortisiert hat, bekommt das Geld nur über eine neue Kreditprüfung wieder heraus. Steuerlich sind Schuldzinsen vom Einkommen abziehbar, was die effektiven Kosten der Hypothek senkt – wobei sich mit dem beschlossenen Systemwechsel beim Eigenmietwert diese Rechnung in den kommenden Jahren verschieben wird. Auch das gehört zur Wahrheit: Die Spielregeln selbst bleiben nicht dreissig Jahre konstant.
Der dritte Weg: indirekt amortisieren
Zwischen beiden Polen liegt die indirekte Amortisation: Die Rückzahlung fliesst in die Säule 3a und wird erst später der Hypothek gutgeschrieben. Die Schuld – und damit der Zinsabzug – bleibt vorerst bestehen, gleichzeitig wächst das 3a-Guthaben mit Steuerabzug auf den Einzahlungen. Ob dieser Umweg dem direkten Weg überlegen ist, hängt an denselben Grössen wie die Grundfrage: Zins, Rendite, Steuersätze, Zeithorizont.
Eine Rechnung mit vier Unbekannten
Hypothekarzins, Anlagerendite, Grenzsteuersatz, Tragbarkeit im Alter – wer nur zwei davon vergleicht, rechnet am eigenen Fall vorbei. Die Faustregel «Rendite höher als Zins, also anlegen» ignoriert die Steuern, die Schwankungen und den Moment, in dem die Bank neu rechnet. Die Gegenregel «Schulden sind immer schlecht» ignoriert Verfügbarkeit und Opportunität. Beide klingen plausibel; keine kennt Ihren Verlauf.
In Wealth4Life lassen sich beide Wege – und die indirekte Variante – als Szenarien nebeneinanderlegen: mit Zins, Amortisation, Steuern und Tragbarkeit in jedem Jahr bis weit über die Pensionierung hinaus. Dann wird aus der Glaubensfrage eine Rechnung.